Auszug aus (und mit Empfehlung für)

Heinz Klippert

"Methodentraining"-Übungsbausteine für den Unterricht

1.Auflage 1994 bis 12.Auflage Beltz 2002

Einige Impressionen aus dem Schulalltag S.19 ff

Was wird in der Schule heute eigentlich gelernt? Bei näherem Hinsehen gewinnt man den Eindruck: Allzu viel hat sich gegenüber früher nicht verändert. Die Inhalte und die Lernziele sind teilweise neu gefasst worden, aber die Dominanz der rezeptiven Wissensvermittlung ist weithin geblieben. Nach wie vor beherrschen Stoffhuberei, verbal-abstrakte Belehrung und enge Führung und Unterweisung das Unterrichtsgeschehen. Hage u.a. haben das in einer neueren Untersuchung zum Methodenrepertoire von Lehrern (mal wieder) eindringlich belegt. Ihr Befund: Mehr als drei Viertel der Unterrichtszeit werden in der Sekundarstufe 1 mit direktiven, lehrerzentrierten Verfahren ausgefüllt, die fast ausschließlich der (rezeptiven) Wissensvermittlung dienen (vgl. Hage u.a. 1985, S. 151 und 141). Dem Methodenlernen der Schüler kommt demhingegen weder im Unterricht noch in den Lehrplänen, noch in den Schulbüchern größerer Stellenwert zu. Im Gegenteil, der Unterricht zielt in erster Linie auf fachlich-stoffliche Belehrung und auf enzyklopädische Kenntnisvermittlung, weniger hingegen auf die Vermittlung grundlegender Lern- und Arbeitsmethoden. In den Lehrplänen wird auf die Bedeutung des Methodenlernens bestenfalls in den Vorworten hingewiesen, ansonsten aber dominieren die obligaten Stoffziele. Die Schüler sollen »wissen« und »erkennen«, »einsehen« und »verstehen« ihnen sollen »Einblicke« und »Überblicke« vermittelt werden, damit sie möglichst umfassend informiert sind. Diese rezeptive Ausrichtung ist nicht nur kennzeichnend für die Lehrpläne, sondern sie prägt auch und zugleich die Lehrerausbildung, die Lehrmittel sowie die gesamte Unterrichtsorganisation.

Diese einseitige Akzentsetzung hat im Schulalltag nur zu oft fatale Konsequenzen. Das zeigen u.a. die folgenden Beispiele und Hospitationserfahrungen des Verfassers, die zwar nicht vorschnell verallgemeinert werden dürfen, wohl aber nachdenklich machen sollen.

Wie gesagt, die angeführten Beispiele und Hospitationserfahrungen dürfen nicht vorschnell verallgemeinert werden. Gleichwohl spiegeln sie ein grundsätzliches Problem unserer Schulwirklichkeit; das Dilemma nämlich, dass dem »Lernen des Lernens« in aller Regel vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Bewusst oder unbewusst unterstellen die meisten Lehrkräfte, dass die Schüler ihre Arbeitslinie gefälligst selbst zu finden haben. Das gilt für die Zeit- wie für die Arbeitsplanung, für Textarbeit wie für Gruppenarbeit, für Mnemotechniken wie für Visualisierungsmethoden, für Referate wie für Vorträge. Wenn die Schüler den richtigen Dreh nicht finden, drohen Sanktionen und/oder einschneidende Misserfolge. Dass die verantwortlichen Lehrkräfte mit ihren problematischen Lernauffassungen und Lehrstilen zu diesem Versagen unter Umständen maßgeblich mit beigetragen haben, ist unstrittig und wird durch die skizzierten Hospitationserfahrungen nur mehr veranschaulicht. Ein Trost ist dies für die betreffenden »Problemschüler« gleichwohl nicht.